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Leuchttürme der Digitalisierung: Zwischen Modernisierungs-Motor der deutschen Industrie und ‚Bullshit-Bingo‘

Nicht erst auf der diesjährigen CeBIT war ‚Digitalisierung‘ der alles dominierende Slogan. Umso mehr stellt sich die Frage, ob wir es nun mit einem substanziellen technologischen Evolutionssprung zu tun haben, oder ob lediglich mit einem ‚Bullshit Bingo‘, wie es ein Top-Entscheider in der Panel-Diskussion ganz unverblümt nannte. Wie konkrete Erfolgsbeispiele aussehen, und welche weiteren Chancen sich für die Technologiebranche eröffnen, diskutierte eine hochkarätig besetzte Expertenrunde auf dem CeBIT-Presse-Roundtable „Leuchttürme der Digitalisierung“ in Hannover. Die vielen vorgetragenen Anwendungsbeispiele und eine differenzierte Darstellung vielfältiger IT-Branchenblickwinkel brachten die Antwort: Digitalisierung findet statt, wenn auch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Teilnehmer an der IT-meets-Press-Runde mit IT- und Wirtschaftsjournalisten waren Michael Gerhards (Geschäftsführer Airbus Cybersecurity Deutschland), Süleyman Karaman (Geschäftsführer Colt Technology Services GmbH), Eckhard Schwarzer (stellvertretender Vorstandsvorsitzender, DATEV eG), Dr. Rolf Werner (Vorsitzender der Geschäftsführung, Fujitsu), Lars Milde (Senior Marketing Manager Tableau Software), Andreas Zilch (Senior Vice President PAC) und Dr. Thomas Endres (Präsidium VOICE – Bundesverband der IT-Anwender). Die Macher von IT-meets-Press, Christoph Witte und Wolfgang Miedl, moderierten die Podiumsdiskussion.

Digitalisierungsbeispiele, die Mut machen

Nachdem die Branche lange genug für die Digitalisierung getrommelt hat, bot die CeBIT-Diskussionsrunde mit hochrangigen IT-Industrie-Vertretern die Chance, dem Megathema einmal auf den Zahn zu fühlen: Kann der Hype die Erwartungen erfüllen, oder macht die Branche nur viel Wind, während ihr die Ideen ausgegangen sind. Schon im Eröffnungsvortrag ließ PAC-Analyst Andreas Zilch keine Zweifel daran, dass richtig verstandene Digitalisierung ein neues Kapitel in der IT-Geschichte eröffnet. Als Paradebeispiel nannte er den Allianz-Konzern, der inzwischen mit einem jährlichen Digitalisierungsbudget von 600 Millionen Euro glänzt, zusätzlich zum IT-Budget von drei Milliarden Euro.

PAC-Analyst Andreas Zilch

Was die Unternehmen aus solchen ambitionierten Initiativen machen, schilderte er am beispielsweise des mittelständischen Armaturenherstellers Grohe und dessen Programm „Smart Grohe“. Dem Sanitärspezialisten gelang es hier mittels QR-getaggter Verpackungen, einen neuen, direkten Kanal zu den Handwerksbetrieben aufzubauen, und so erstmals Daten über Ort und Art der verbauten Produkte beim Endkunden einzusammeln. Damit eröffnen sich auch ganz neue Vertriebswege am Großhandel vorbei, mit Margenzuwächsen für den Hersteller von 20 Prozent.

Als weiteres Beispiel nannte er das Insurtech-Startup Catastrophe Solutions, das die Schadenerfassung für KFZ-Versicherer automatisieren möchte. Ein Fahrzeugscanner zur Massenerfassung lichtet vor Ort binnen drei Minuten ein Auto rundum ab und erzeugt automatisierte Gutachten bei Großschäden wie etwa Hagel.

Neben den Erfolgsbeispielen gebe es aber nach wie vor viele gescheiterte Digitalisierungsprojekte, so Zilch: „Viele Unternehmen schmeißen hier noch Geld aus dem Fenster. Wer braucht beispielsweise einen Durchlauferhitzer mit Internetradio? Ebenfalls verzichten können wir auf so manche digitalisierte Versicherungsangebote im Web, deren einziger USP zu sein scheint, dass wir alle geduzt werden.“

Lösungen aus dem Rohstoff IT

Eckhard Schwarzer, Datev

Einig war sich die Runde, dass Digitalisierung sich nicht an einzelnen Merkmalen oder „Features“ festmachen lässt, sondern in der Regel eine Kombination aus Produkten und Services darstellt. Oder wie es Eckhard Schwarzer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Datev, auf den Punkt brachte: „Früher haben wir Softwareprodukte für einzelne kaufmännische Prozesse angeboten, heute verkaufen wir Lösungen, in denen der Rohstoff IT ein zentraler Bestandteil ist.“

Er wies zudem darauf hin, dass die Anbieter bei allen Möglichkeiten, die die Digitalisierung eröffne, die große Mehrzahl der Unternehmen – die KMU – nicht vergessen dürfe. „Die können mit den IT-Branche üblichen Schlagworten oft nicht viel anfangen und müssen in ihrer Erlebniswirklichkeit abgeholt werden“, so Schwarzer.

Zu den charakteristischen Entwicklungen der Digitalisierung gehört zum einen die wachsende Bedeutung der Datenbestände und deren Analyse. Die Analytics-Branche leistet hier einen erheblichen Beitrag, indem sie den Zugang zu Datenquellen aller Art vereinfacht und das Hantieren mit Daten erleichtert.

Lars Milde, Tableau Software

In diesem Zusammenhang sprach Lars Milde, Marketing Manager von Tableau Software, vom anbrechenden Zeitalter der Datendemokratie: „Unternehmen sind schon gut im Datensammeln, aber es wird noch in abteilungsspezifischen Silos gehortet. Zukünftig muss die Weiterverteilung der Daten an die Anwender im Vordergrund stehen, um Mehrwerte aus den Datenschätzen zu erzielen und hier neue Geschäftschancen zu eröffnen.“

In einem Atemzug mit der Digitalisierung wird meist auch die Cloud als zentrale Basistechnologie genannt. Süleyman Karaman, Geschäftsführer bei Colt Technology Services, lenkte dabei den Blick auf Fortschritte im Bereich Netzwerke, über die die Daten vom Kunden in die Rechenzentren und zurück transportiert werden. Gewünscht wird hierbei immer mehr Flexibilität, und dem kommen die neuesten Entwicklung bei den Software Defined Networks entgegen. „Die Anwender wünschen bei Cloud-Diensten heute mehr Freiheit in Sachen Datentransfer und Speichermengen. Die Netze müssen am Bedarf orientiert skalierbar sein, im Vordergrund steht das Prinzip Pay-per-Use.“

Allgegenwärtige Analytics – und neue Sicherheitsrisiken

Dr. Rolf Werner, Fujitsu

Schwenkt man den Blick einmal auf konkrete Anwendungsmöglichkeiten im Geschäftsalltag, so finden sich vor allem im Bereich ortsbasierender Dienste und intelligenter POS-Lösungen spannende Zukunftsszenarien. Fujitsu-Geschäftsführer Dr. Rolf Werner nannte hier als Projektbeispiel seines Unternehmens die Kundenstromanalyse bei einer Kaufhauskette. Möglich werden solche Modelle der Kundeninteraktion durch die hohe Durchdringung mit Mobilgeräten, so Werner: „Ladenbetreiber können mittels Indoor Analytics das Bewegungsverhalten der Kunden analysieren und die Erkenntnisse nutzen, um Waren besser zu platzieren und mit gezielter Werbung Cross-Selling forcieren.“

Michael Gerhards, Airbus Cybersecurity

Wenn im Zuge der Digitalisierung die Datenmengen stetig wachsen und in der Cloud permanent zwischen weit entfernten Orten bewegt werden, stellen sich zwangsläufig auch immer Sicherheitsfragen. Als eher überraschender Anbieter positioniert sich hier seit einiger Zeit der Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus mit seinen Geschäftsbereich Cybersecurity. Geschäftsführer Michael Gerhards erklärte in der Runde, dass insbesondere Industrie 4.0 und das Internet der Dinge neue Gefährdungsszenarien eröffnen: „Indem Unternehmen ihre Fertigungsanlagen immer stärker vernetzen, steigen auch die Risiken für Attacken. Mögliche Folgen sind nicht nur Produktionsausfälle, sondern auch Datendiebstahl durch Spionage.“ Zu den Besonderheiten dieses Umfelds zählen lange Lebenszyklen der Anlagen, aber auch die Integration historischer Anlagen.

Die Rolle des CIOs und der IT bei der Digitalisierung

Welche neuen Anforderungen im Zuge der Digitalisierung auf das Geschäfts- und vor allem das IT-Management zukommen, beleuchtete schließlich noch Dr. Thomas Endres, der Vorsitzender des Präsidiums von VOICE – Bundesverband der IT-Anwender. Er sieht als vordringlichste Aufgabe, dass Unternehmen den bestehenden Betrieb wie auch die kreative Weiterentwicklung parallel organisieren. „Vom CEO über den Aufsichtsrat bis zum CIO muss Einigkeit bestehen, dass auf der einen Seite der Betrieb und die kontinuierliche Weiterentwicklung sichergestellt sind, aber auf der anderen Seite neue Entwicklungen und radikale Innovation professionell etabliert werden.“

Noch gibt es etliche Hürden zu beseitigen

Süleyman Karaman, Colt Technology Services GmbH

Auch wenn die Vielzahl der genannten Beispiele ein recht positives Licht auf die Entwicklung der Digitalisierung werfen, so kamen in der Runde doch auch noch viele Hürden und Probleme zur Sprache, die die Umsetzung nach wie vor behindern. Das beginnt beim altbekannten Thema Gesetze und Verordnungen, auf die Schwarzer noch einmal hinwies: „Aktuell kämpfen wir noch mit hunderten von Schrifterfordernissen in den Gesetzen, die uns zu Papier und Bleistift zwingen.“ Karaman wies darauf hin, dass neben der bereits existenten Technologie vor allem das Umdenken in den Köpfen sehr wichtig sei: „Aktuelle Geschäftsmodelle vieler Unternehmen sind von disruptiven neuen Wettbewerbern bedroht, die nicht nur digitale Technologien einsetzen, sondern in ihren Entscheidungsprozessen auch sehr agil sind. Manchmal wird bei uns zu lang diskutiert, zu welcher Kostenstelle ein Digitalisierungsprojekt gehört, statt eine innovative Idee zeitnah umzusetzen.“

Aus Sicht von Werner ist vor allem Multi-Cloud-Management eine aktuelle Herausforderung, die die Anwender gelöst haben wollen: „Die Unternehmen wollen keinen Vendor Lock-In, sondern eine Management-Infrastruktur, die ihnen die Verwaltung unterschiedlichster Cloud-Services über eine Verwaltungskonsole ermöglicht.“ Gerhards sieht bei der Security die Anwender permanent gefordert, die Themen Detection und Prevention auf dem Schirm zu haben. Und beim Blick auf das Datenmanagement fordert Milde einen Bewusstseinswandel bei den Anwendern: „Unternehmen müssen nicht nur die Bedeutung der Daten für zukünftige Geschäftschancen verstehen, sondern auch die Ressourcen entsprechend nutzen, indem sie die Mitarbeiter miteinander verbinden.“

… und am Schluss noch eine Definition der Digitalisierung

Dr. Thomas Endres, VOICE

Was die Definitionsfrage betrifft, hat Endres der Runde eine schlüssige und überzeugende Erklärung geliefert: „Digitalisierung ist das Ergebnis mehrerer paralleler Impulse. Das ist zum einen die Technologie, die uns heute sehr viel mehr ermöglicht, zum Beispiel künstliche Intelligenz. Dazu gesellen sich digitale Geschäftsmodelle, die eine früher unmögliche, komplexe Kombination aus Geschäftsprozessen organisieren. Und außerdem sind sowohl die Consumer-Märkte als auch die B2B-Märkte reif für ganz neuartige Dinge.“

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