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Digitalisierung: „Die Zeiten der guten alten Strategieberatung sind vorbei“

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Christian Baudis

Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel. Welchen Einfluss die Digitalisierung auf die Arbeitswelt von morgen haben wird und welche Herausforderungen damit verbunden sind, schildert Christian Baudis, ehemaliger Deutschlandchef von Google und Digitalunternehmer, im Interview mit dem Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister e.V.(BAP).

BAP: Was sind für Sie die derzeit spannendsten Entwicklungen im Bereich Digitalisierung, die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben werden?

Christian Baudis: Wir sind erst am Anfang der Digitalisierung und können uns daher noch nicht richtig vorstellen, was alles auf uns zukommt. Viele Menschen verwechseln das Internet mit der Digitalisierung und meinen, die letzten zehn Jahre, in denen Google, Facebook, Amazon und Co. groß geworden sind, hätten uns doch schon enorm verändert. Das Internet ist aber nur ein Bestandteil der Digitalisierung. Folgende drei Bereiche werden unsere Arbeits- aber auch Lebenswelt in den nächsten zehn Jahren erheblich verändern:

Robotik: Wir werden unweigerlich in eine Arbeitswelt geworfen, in der der klassische Produktions- oder der Lager- und Logistikarbeitsplatz in Frage gestellt wird. Der Deutsche Bahn-Chef sagte neulich, er könne sich gut vorstellen, dass in zehn Jahren die Lokführer durch Roboter ersetzt werden. Eine Studie von PWC sieht die 500.000 Brummifahrer auf der deutschen Langstrecke in Gefahr und der Atlas-Roboter von Boston Dynamics kann in seiner neuesten Version sogar schon die Lagerhalle nahezu perfekt verwalten. Im Haushaltsbereich wird der Haushaltsroboter das nächste relevante Endgerät nach der Erfindung des iPhones Anfang 2007. Einer von ihnen heißt Pepper, er kostet 1.600 US-Dollar und kann schon viel mehr, als wir denken. Auf Aida-Kreuzfahrtschiffen hat er vergangenen Sommer die Rezeptionsarbeit erfolgreich übernommen, Kundenzufriedenheitsumfragen durchgeführt und jede Menge gute Witze an Bord gebracht.

Die Robotik ist im Vormarsch und lässt jede Phantasie zu. Es geht viel schneller, als wir glauben: Wann standen Sie das letzte Mal in einer Telefonzelle? Bei mir war das im Jahr 1997. Nur zehn Jahre später kam das iPhone von Apple auf den Markt und war natürlich viel mehr als nur ein Telefon. Übertragen Sie diese technische Veränderungsgeschwindigkeit auf die Robotik und Sie können ansatzweise erahnen, wie unsere Welt in 20 Jahren aussehen wird!

Mensch-Maschinen-Verknüpfungen: Hier werden unglaubliche Dinge geschehen. Der Gesundheitsmarkt wird rasant verändert und das zu unserem Vorteil. Die medizinische Analyse und Prävention wird durch digitale Endgeräte verbessert, die wir an unserem Körper tragen. Die Diabetiker-Linse von Google ist mit Ihrem Smartphone verbunden und misst in Echtzeit Ihren Blutzuckerwert, die digitalen Socken von Sensoria messen in Echtzeit die Laufqualität und Belastung Ihres Laufverhaltens beim Joggen. Und in fünf Jahren gehen wir zum Drogeriemarkt und holen uns das digitale Silikonpflaster „MC 10“, welches auf Körperzellen aufgeklebt alle Körperanalysen einer heutigen Allgemeinarztpraxis ermittelt und in Echtzeit auf Ihr Smartphone spielt. Sie werden in Echtzeit Ihren Gesundheitszustand messen können: „Super, heute bin ich bei 90 Prozent – also kerngesund!“ oder: „Oh, ich bin nur zu 35 Prozent gesund. Was soll ich tun?“. Bevor Sie dann zum Arzt gehen, holen Sie sich noch schnell eine Zweitmeinung vom Super-Medizin-Computer Dr. Watson von IBM ein und wissen schon, bevor Sie den Arzt treffen, was zu tun ist.

Aber die eigentliche Revolution des Gesundheitsmarktes wird sich im Bereich körperlicher Behinderungen auftun. Vor vielen Jahren begann die Medizinforschung den elektronischen Impuls aus dem Gehirnbefehl/Nervenimpuls herauszufiltern, um damit Dysfunktionalitäten im Nervensystem zu beheben und Gehirnbefehle alternativ zum Nervensystem über elektronische Übertragungswege weiterzuleiten. Professor Nicholas Negroponte, Gründer des innovativen MIT Media Labs, war vor 20 Jahren einer der ersten digitalen Innovatoren, der diese Entwicklung miterforschte. 2014 präsentierte einer seiner Professoren, Hugh Herr, in Vancouver die erste relevante Mensch-Maschinen-Verbindung unserer Zeit. Hugh Herr verlor bei einer missglückten Bergbesteigung vor 30 Jahren beide Unterbeine. Bei der Präsentation in Vancouver lief er nun mit zwei Roboter-Bein-Prothesen über die Bühne. Seine Roboterfüße „lesen“ die Gehirnbefehle aus den im Knie endenden Nervensträngen, indem sie die elektronischen Impulse auf einen intelligenten Bewegungs-Chip spielen und dieser elektromechanische Bewegungsbefehle an die Roboterfüße weiterleitet. Professor Hugh Herr sagte während seiner Präsentation, dass er heute besser laufen und klettern kann als noch vor 30 Jahren mit seinen echten Beinen! Diese Innovation ist der Grund, warum wir in den nächsten zehn Jahren Menschen laufen sehen, die ihr Leben lang an einen Rollstuhl gekettet waren. Blinde werden wieder sehen können, etc. Man muss ja „nur“ die Unterbrechung im Nervensystem überbrücken: mit elektronischen Nervenbrücken!

Künstliche Intelligenz/Big Data: Wir haben in den letzten zehn Jahren die analoge Welt digital vermessen. Mit jedem digitalen Endgerät, welches wir bei uns tragen, tun wir dies jede Sekunde unseres Lebens. Alles wird zu Nullen und Einsen. Noch nie hatte der Mensch so viele Daten wie heute und angeblich verdoppelt sich diese Datenmenge alle zwei Jahre. Nur ganz wenige Unternehmen können heute mit dieser Datenflut etwas anfangen. Das wird sich ändern! Amazon weiß heute schon, wann unser Haushalt das nächste Mal Trockenkatzenfutter für unsere Katze bestellen wird und lagert die Ware pack- und mengengerecht im nächstliegenden regionalen Auslieferungszentrum. Wenn ich das Katzenfutter bestelle, dauert es keine neun Stunden mehr, bis es bei uns ausgeliefert wird. Bald sind es dann nur noch sechs, drei oder gar eine Stunde. Wie macht Amazon das? Die Logistik ist exzellent, aber die Datenverdichtung und richtige -interpretation der Schlüssel zum Erfolg. Aus der Kombination von Daten (Big Data) und künstlicher Intelligenz lässt sich der Konsumwunsch von Morgen vorhersehen. Aus genau diesem Grund meint die deutsche Automobilindustrie, in vielleicht fünf bis sieben Jahren bestellte Autos ein paar Tage später ausliefern zu können, weil man das gewünschte Auto schon vorproduziert hat!

„Die Reaktionsgeschwindigkeit auf technische Entwicklungen wird unseren Erfolg ausmachen“


BAP: Worin sehen Sie die größten gesellschaftspolitischen Herausforderungen, die durch die Digitalisierung der Arbeitswelt hervorgerufen werden?

Christian Baudis: Die größte Herausforderung ist die Veränderungsgeschwindigkeit und Flexibilität, die mit dieser Entwicklung einhergeht. Die Zeiten der guten alten Strategieberatung von McKinsey, Boston und Co. sind vorbei. Die Reaktionsgeschwindigkeit auf technische Entwicklungen wird unseren Erfolg ausmachen. Die Politik muss diese Entwicklung verstehen lernen und die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Digitalunternehmen müssen sich durch Selbstverpflichtungen im Sinne der gesellschaftlichen Sicherheit einbringen und jeder einzelne von uns muss sich digital fortbilden.

Wenn wir uns nicht auf diese Entwicklung einstellen, werden viele Arbeitsplätze in Deutschland in Gefahr sein. Wenn wir nicht schon in der Schule Kinder – zu gegebener Zeit – auf Chancen und Risiken dieser Entwicklung beispielsweise durch ein Fach „Digitalisierung“ vorbereiten, bilden wir gerade eine Generation von Arbeitslosen aus.

Wir müssen nicht nur in den Schulen, sondern genauso in den Chefetagen von Unternehmen und Parteien anfangen, die Arbeitswelt Schritt für Schritt neu auszurichten. Klassische Produktions- und Logistikarbeitsplätze, aber auch Prozessarbeiten werden immer mehr durch Robotik und künstliche Intelligenz herausgefordert. Wir haben eine Verantwortung wahrzunehmen, um diese Entwicklung mitzugestalten! Dann ist das für den Technikstandort Deutschland eine Riesenchance. Aber auch nur dann!

BAP: Demografischer Wandel und Digitalisierung werden die Arbeitswelt eklatant verändern. Welche Aufgaben können dabei Personaldienstleister übernehmen?

Christian Baudis: Der Personaldienstleister der Zukunft wird vielleicht nicht mehr „nur“ die passende Qualifikation für das entsprechende Unternehmen finden. Vielleicht wird er die Fort- und Weiterbildung, die in den nächsten zehn Jahren für die digitale Transformation unserer Volkswirtschaft dringend erforderlich ist, übernehmen.

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One comment

  1. Spannender Beitrag, wenngleich inhaltlich das meiste bereits bekannt ist.
    Im vorletzten Jahr hatte ich in Bezug auf das zukünftige Leistungsportfolio von Personalberatern eine ähnliche Idee: https://persoblogger.wordpress.com/2015/04/01/uk-dienstleister-revolutioniert-personalbeschaffung/

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